Grenzüberschreitung #04 – Handlung

Grenzüberschreitung #04
dass nicht nichts oder ich könnte mich auch in die Badewanne legen
Merkelpark, Bahnwärterhaus, Städt. Galerien Esslingen, Swarzewo, Ostsee, Gutenberg

Ein zunächst 12-wöchiges Projekt im Merkelpark. In Fußarbeit einen einspurigen Pfad erlaufen, laufend in Gedanken Zeiten und Räume überschreiten. Am Anfang alleine, später mit wechselnder Begleitung die eine zweite Spur ziehen werden.

1. Kapitel – Kaszëbë
2. Kapitel – Auf Empfang. Kreisen, Zeigen und Dialog
3. Kapitel – Potenzierung. Lüften und waschen
4. Kapitel – Flaschenpost. Lassen
mittendrin in Kapitel 1 bis 3 – VADE MECUM Magdalena P. Stehle, lange nach ihrer Deutschwerdung


1. Kapitel
Kaszëbë – Angela Hildebrandt  *6.1.1897  +19.8.1936
14.7. bis 31.7.2012 Rundpfad im Merkelpark und Wandzeichnungen im Bahnwärterhaus
Über die Graswurzel zu den kaschubischen. Die Zeiten fallen ineinander.

Grenzen und Grenzüberschreitungen. Die Kaschuben, ein westslawischer Volksstamm, Nachkommen der einst in ganz Pommern siedelnden Pomoranen (= „Die am Meer wohnen“) wurden über Jahrhunderte zwischen Polen und Deutschen zerrieben, sind für die Deutschen keine Deutschen, für die Polen keine Polen. Nachdem sich die polnische Regierung im 21. Jahrhundert zum Schutz ethnischer Minderheiten verpflichtete, wird in der Kaschubei die kaschubische Sprache und Kultur in Schulen unterrichtet.


Magdalena ist in Polen und schreibt Postkarten. Ich schnüre die Wanderschuhe, schultere die Fahne und ziehe Kreise.


Ich kreise, über mir kreist ein Hubschrauber.



Ein Polizeiwagen umkreist den Merkelpark. Polizisten steigen aus und fragen, was ich dort mache. Ich antworte, dass ich Kreise ziehen. Wie lange, wollen sie wissen und schauen auf die zertretene Grasnarbe. Heute sind es drei Stunden, antworte ich. Wie lange ich das noch machen werde, fragen sie. Heute noch 1 Stunde, sage ich. Aha, sagen sie. Und dann, fragen sie. Morgen kreise ich ca. 4 Stunden, antworte ich. Aaaha, sagen sie. Das ist ein Kunstprojekt, sage ich. Sie schweigen, überlegen, gehen zurück zum Auto und fahren weg. Ich kreise.


Meine Großmutter Angela Hildebrandt wurde an der Ostsee in Schwarzau (kaschubisch Swôrzéwò, polnisch Swarzewo) geboren, mein Großvater Franz Hildebrandt in Mechau (kaschubisch Mechòwa, polnisch Mechowo).


Das Brautpaar Franz Hildebrandt und Angela Hildebrandt geb. Konkol. Neben Franz seine Eltern Franz Hildebrandt und Mathilde Hildebrandt geb. Pyper aus Mechowo. Neben Angela ihre Mutter Thekla Konkol geb. Ceynowa und der Stiefvater Teofil Meyer.


Ich kreise. Zwei junge Männer kommen näher, kreisen zwei Runden mit und sagen, das ist cool, fragen, ob es eine Demo sei.


Am 25. Juli  2012 gegen 16 Uhr
Begleitung, Unterstützung und Bodenprobe durch Wolfram Lamers geb. Hildebrandt, Chemiker am EPO in Den Haag.


Beim Wildern in den kaschubischen Wäldern traf den Mechauer Gast- und Landwirt Anton Pyper, unser Ururgroßvater, geboren 1822 in Mechau und 1902 dort gestorben, eine Kugel. Gott sei Dank nicht das Hirn oder Herz, sondern das Gesäß. Diesem glücklichen Umstand im Unglück verdanken seine Nachkommen die Existenz.


Einige Jahre später heiratete Anton die Marianna aus Mechau. Ihre gemeinsame Tochter, unsere Urgroßmutter Mathilda, kam 1861 zur Welt. Mathilda heiratete 1882 den Landwirt Franz Hildebrandt aus Oliva, dort 1851 geboren und Sohn des Oliver Stahlfabrikanten Julius Hildebrandt, geboren 1814 in Sukschin, und der Luise Wilhelmine Maschke, 1814 in Oliva geboren.
Seit der Einheirat stand auf der Fassade des kaschubischen Mechauer Gasthofs:
Waldgasthaus Hildebrandt. Dort kam 1884 unser Großvater Franz Hildebrandt zur Welt. Er führte weder die Wilderei fort, noch übernahm er den Gasthof samt Landwirtschaft, er schlug die Polizeilaufbahn ein. Ob er Wilderer verfolgte, wissen wir nicht.


In Mechau sprach man untereinander Kaschubisch. Der Unterricht in der Schule war auf Deutsch, der Gottesdienst in der Kirche in Polnisch. Die Urgroßmutter Mathilda Hildebrandt nutzte zum Beten mit Vorliebe das Polnische Gesangbuch.

Der erste Weltkrieg beginnt und Franz Hildebrandt wird eingezogen. Es muss ein Fronturlaub gewesen sein, in dem er Angela Konkol kennen lernt. Sie schreiben sich Postkarten, Angela aus dem Sommerurlaub in Nadolle, ihre Großeltern wohnen dort am See, betreiben eine Fischerei, adressiert sie an Off.–Stellvertreter Herrn Fr. Hildebrandt, Feld–Artelr. Regt.72, 8. Batterie, III. Abteilung, und an den Herrn Sergeant F. Hildebrandt, III. Luft. Feld. Art. Regt. 72, Hammerstein, Pr. Stargaro steht auf dem Poststempel, sie grüßt ihn mit Schönschrift in treuer Freundschaft, fragt, wie es ihm dort gefällt, auch die Eltern lassen schön grüßen.

Angelas Postkarten sind Portrait- und Situationsfotos aus Nadolle. Bildbotschaften. Sie sagen, schau mich an, vergiss mich nicht, ich liebe dich. Die Kriegsfronten sind weit entfernt.

1920 heiraten sie, er ist stolz auf seine schöne Frau, hält zart ihren Arm. Lange nach ihrem frühen Tod, er ist wieder verheiratet, wird er von Angela schwärmen. Seine zweite Frau reagiert unwirsch und verletzt.
Später wird Franz, nach dem 2. Weltkrieg der für ihn erlebt auch der zweite ist, seine Heimat verlassen. Er hält es nicht mehr aus. Denn abends kamen Polen. Immer wieder. Nehmen ihn mit auf die Wache, drücken seinen Oberkörper auf den Tisch, binden ihn fest. Dann schlagen sie zu.

Angela und Franz ziehen nach Radolin, sie bekommen zwei Jungen, zuerst Erich. Als Günther auf die Welt kommt, lebt der kleine Erich viele Monate bei den Großeltern in Schwarzau, antwortet täglich auf die Frage, was er essen wolle mit Legumina. Täglich bekommt er den gewünschten Pudding.

Später wird er erzählen, dass die Großeltern einen Kaschuben aus ihm machen wollten. Er soll die Landwirtschaft und Gaststätte in Schwarzau übernehmen. Er möchte nicht, ist nicht so bodenständig.
In ein Fotoalbum schreibt er unter das Foto seiner Mutter, dass sie in ihm die Liebe zur Fliegerei weckte. Mit 12 Jahren beginnt er eine Segelflugausbildung, macht die A-Prüfung mit 14 Jahren. 17 jährig bekommt er den Segelflugzeugführerschein, da ist seine Mutter schon zwei Jahre tot.

Der Gendarm von Unruhstadt (Kargowa) Kurt Radomski wurde versetzt und zog mit seiner Frau Martha und den Kindern Ingrid, Heidi und Horst in eine andere Stadt. Die Dienstwohnung in der Kastanienalle steht leer. Die vakante Polizeistelle übernimmt Franz Hildebrandt, bezieht mit Angela und den zwei Buben die Wohnung in der Kastanienallee. Dort im Wintergarten raucht Angela nach dem Essen eine Zigarette, täglich eine einzige, mit Zigarettenspitze. Die Kinder Erich und Günther streunen durch den Garten.
So berühren die einen, was die anderen berührten. Erich folgt Spuren, die das Mädchen Ingrid legte, und keiner weiß vom anderen. Ahnen nicht, dass sie sich nach Krieg und Vertreibung zum ersten Mal in Lübeck sehen und später lieben werden.

Sie bleiben zusammen, und wie ein Kaschube hängt Erich ein chen an ihren Namen, macht ihn handwarm. Ingelchen, was machst du denn, ruft er als sie nach über 60 Jahren Ehe stirbt, im März 2010, erschöpft und ausgezehrt nach langer Krankheit. Und der eine kann nicht ohne die andere, das Berühren der Spuren ist ohne Hoffnung. Erich stirbt 8 Wochen später.

Hauptbestandteil von Erde ist Quarzsand, in der Kaschubei mehr, im Merkelpark weniger.

Die Großmutter Angela Hildebrandt ist im sandigen Boden in Kargowa (Unruhstadt) begraben, ihr Mann Franz Hildebrandt im Rheinisch-Bergischen Overath, Günther Hildebrandt in Bremen, Erich und Ingrid Hildebrandt in Bonn.
Martha und Kurt Radomski ruhen in Lünen.


2. Kapitel
Auf Empfang – Kreisen Zeigen Dialog
1.8. bis 28.9.2012 im Merkelpark und Bahnwärterhaus:

In der Verwunderung über die eigene Existenz und Flüchtigkeit des Lebens für eine kleine Dauer eine Spur legen und eine Berührung zulassen. Kreisend einen Impuls setzen, Möglichkeiten die Hand reichen bevor es zu spät ist. Gemeinsam mit einstigen und gegenwärtigen Weggefährten auf diesem Pfad gehen, im Dialog. Dabei zeigen, auf den Fahnen dokumentiert, was der Antriebsmotor ist der durchs Leben führt. Unter dem schönen Motto „Der eine trage des anderen Last“ während des Gehens unsere Fahnen austauschen. Was sonst noch passiert, ist nie vorhersehbar.  Sichtbar sind Momentaufnahmen, für Wegelagerer in Echtzeit, im Nachklang als Dokument. Die Gespräche aber bleiben unveröffentlicht. Nach und nach reihen sich die Fahnen im Bahnwärterhaus in eine Gesamtinstallation ein.


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 2.8.2012
mit Monika Majer, Bildhauerin, Piurette 1, Kirchheim/Teck


Von Magdalena kommen die ersten Zeichen aus Polen im Bahnwärterhaus an.

 


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 7.8.2012
mit Maria Grazia Sacchitelli, Künstlerin, Stuttgart





Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 8.8.2012
mit Barbara Heuss-Czisch, Kunsthistorikerin, Stuttgart



Was bleibt


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 9.8.2012
mit Jeanette Fink, Grafikdesignerin, Piurette 2, Kirchheim/Teck





Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 10.8.2012
mit Petra Focks, Studiendirektorin, Havixbeck


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 12.8.2012
mit Anna Catherin Loll, freie Journalistin, Berlin


Zeigen_Kreisen_im musikalischen Dialog 1931
Franz Hildebrandt, Gendarm, irgendwo im jetzigen Polen


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 16.8.2012
mit Ute Gärtner-Schüler, Künstlerin, Nürtingen


Erich Hildebrandt 1924


Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 17.8.2012
mit Barbara Scherer, Journalistin, Esslingen




Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 22.8.2012
mit Yayoi Takano, Musikerin, Esslingen




Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 24.8.2012
mit Norbert Czerwinski, Wiss. Mitarbeiter Landtag NRW, Düsseldorf







Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 6.9.2012
mit Anita Wiese, Soziologin/Künstlerin, Stuttgart






Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 8.9.2012
mit Gerhard Hildebrandt, Jurist, Lenningen






Auf Empfang – Zeigen_Kreisen_Dialog am 11.9.2012
mit Günther Reger, Künstler, Küpfendorf


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