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Von der Lust, die Dinge auf den Kopf zu stellen

Wendlingen (sell). Die dritte Ausstellung in der noch jungen Galerie Turbinenhaus in der Schäferhauser Straße in Wendlingen überrascht. Sie überrascht, weil es der Künstlerin Angela Hildebrandt gelungen ist, diesem Raum mit seinem gewichtigen Mittelpunkt, der Dampfturbine, mit einer ganz eigenen Ausdrucksweise ein anderes Gewicht zu verleihen. Mit ganz leichten Mitteln und einer dennoch dichten, unüberhörbaren Sprache schafft es diese junge Frau, den Blick vom dominanten Mittelpunkt des Raumes zu nehmen. Spürbar wird in der neuesten Ausstellung in der Galerie Turbinenhaus die intensive Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem ungewöhnlichen Ausstellungsraum, der denjenigen straft, der glaubt mit Arbeiten aus dem Lagerfundus sich hier durchsetzen zu können. Dieser Raum fordert die Auseinandersetzung  der Künstler, die sich hier präsentieren. Angela Hildebrandt ist dies mit ihrer Installation „Gedankenraum-Schleuse-Herzraum“ gelungen.

(…) zeigt seit vergangenem Freitag die in Gutenberg lebende und in Nürtingen arbeitende Angela Hildebrandt Beispiele ihres künstlerischen Schaffens. Dabei löst die Einladung, in dieser ungewöhnlichen Galerie auszustellen, keineswegs nur Begeisterung aus. Wer sich hier präsentiert, von dem wird eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Industriedenkmal gefordert.
Die Auseinandersetzung Angela Hildebrandts mit diesem ungewöhnlichen Ausstellungsraum ist von einem überraschenden Ergebnis gekrönt: Ihre Installation schafft mit einer duftigen Leichtigkeit Akzente, denen sich der Betrachter nicht entziehen kann. Angela Hildebrandt verzichtet im großen Turbinenraum auf ein Bestücken der Wände gänzlich. Die sieben unterschiedlich großen vielgeteilten Fenster mit ihren Rundbögen haben es der Künstlerin angetan. Auf leichten Drahtbügeln hängen hier im Gegenlicht, das von draußen hereindringt, Kleidungsstücke, von denen vor allem die weiblichen Exponate eine unüberhörbare Sprache sprechen. Auffallend an diesen von Angela Hildebrandt entworfenen und genähten Kleidern: Sie sind einfach im Schnitt, bestechen mit überlangen Ärmeln und Volants und mit einer Leichtigkeit, die schon durch die durchscheinende Stoffwahl zum Ausdruck kommt. Und diese Kleidungsstücke sind allesamt nicht vollständig, nicht „rund“, bestehen nur aus Vorderteilen. Das ist bei den Kleidern und Blusen nicht anders als bei der Weste für den Mann, die ergänz wird von einer Krawatte aus falschem Leopardenpelz oder mit grauen Flügeln, die matt auf dem Bügel hängen. Sie dienen nur scheinbar der Verkleidung und Verwandlung, sind in Wirklichkeit nicht zu gebrauchen. Fast hat es den Anschein, als ignoriere Angela Hildebrandt das gewaltige Monstrum von Dampfmaschine in der Mitte des Raumes einfach. Mit einem kleinen Kissen auf dem dicken Bauch der Maschine verweist sie dieses Industriedenkmal in seine Schranken.
Für Angela Hildebrandt ist die Auseinandersetzung mit diesen Kleidern, mit diesen Hüllen ein wichtiger Pfeiler ihres künstlerischen Schaffens. Auf der Empore, die sonst den Galeristen vorbehalten ist, zeigt sie mit kleinen Arbeiten, welche Verwandlung und Veränderung geschehen kann, wenn Dinge eingehüllt, eingenäht, mit allerlei Firlefanz versehen werden. Etwas auf den Kopf zu stellen, den Betrachter zu verwirren und dabei mit Alltagsdingen zu hantieren, das scheint dieser Angela Hildebrandt sichtlich Spaß zu machen.
Es gibt da aber noch eine andere Angela Hildebrandt. In der „Schleuse“ des Turbinenhauses zeigt sie ein einziges Bild, das auf die Malerin Angela Hildebrandt hinweist. Ein Bild, das den Blick verwirrt, das fasziniert. Ein Bild, das mit horizontalen und vertikalen Linien eine Szenerie entstehen lässt, die neugierig macht, diesem Verwirrspiel auf die Spur zu kommen. Ein Bild, das den Wunsch nährt, mehr von dieser Art des künstlerischen Schaffens im großen Galerieraum zu sehen. Hans J. Hochradl sprach am Freitag bei der Ausstellungseröffnung vom Dialog, das dieses Bild fordert, von der Frage nach dem eigenen Standpunkt des Betrachters. (…)

Nürtinger Zeitung/Wendlinger Zeitung, 23. Juli 2001


„…In den Bildern von Angela Hildebrandt wird die Grenze zwischen Stofflichem und Immateriellen, zwischen Sein und Schein durchlässig, es entsteht der Eindruck eines Pendelns, eines Schwankens zwischen sich erschließen und sich entziehen, zwischen Greifbarkeit und Unverfügbarkeit. Und obwohl es sich hier nicht um optische Täuschungen handeln kann, entzieht sich auch das hervorstechendste und essentiellste Element der Bilder, nämlich die Farbe, einer eindeutigen Festlegung.

Man erkennt: nichts ist absolut, nichts unumstößlich. So können diese auf dem ersten Blick harmlos erscheinenden Werke, denjenigen, der sich darauf einlässt, zu durchaus existentiellen, vielleicht auch schmerzhaften Tatsachen führen…“

Florian Stegmeier, Kurator Städtische Galerie Kirchheim/Teck (Einführung zu Bezirke der Unverfügbarkeit – Malerei, KunstRaum Hindenburgstraße, Laichingen 2005)


LAICHINGEN – Ein neuer Raum für Kunst in Laichingen wurde geschaffen.

Die Nürtinger Künstlerin Angela Hildebrandt lässt mit ihren Werken „Bezirke der Unverfügbarkeit“ in der Galerie „Kunstraum“ des Laichingers Kurt Strohm, Raum für Gespräche entstehen. Gespräche mit den Bildern, mit sich selbst oder mit den Betrachtern.
Ein sozialer Ort und Raum der Kommunikation soll diese neue Galerie sein, meinte  Kurt Strohm bei der Begrüßung und die erste Ausstellung nimmt dieses Motto auf.
(…) Mit zarten Farbaufträgen erreicht Angela Hildebrandt eine leuchtende Transparenz oder aber eine gewollt stoffliche Verfestigung. Die ausgestellten Werke aus dem Zyklus „Vice versa“ haben tatsächlich die starke Tendenz, den Betrachter zum Zwiegespräch zu verführen. Und hat man erst einmal die Bilder nacheinander betrachtet, spürt man Schwingungen, die einen zwingen, sich umzudrehen. Seien es die beiden gegenüber aufgehängten in monochromem Blau gehaltenen „Vice versa 50 und 58“ oder die in Farbverläufen gemalten „Vice versa 51 und 56“, die Bilder scheinen miteinander zu sprechen und beziehen den Betrachter in dieses Gespräch mit ein. Kunst wird erlebbar.

Schwäbische Zeitung Laichingen, S. Graser-Kühnle, 15. Februar 2005



„… für die ausstellung einigten sie sich auf ein einheitliches bildformat in anlehnung an das menschliche mass. die hochformatigen bildtafeln sind gleich gross. einzig eine geringe, kaum sichtbare, massdifferenz markiert – einer signatur gleich – die zugehörigkeit der tafeln zu der werkgruppe von angela hildebrandt.
in der anordnung der werke in dem raum werden nähe und distanz erprobt. die bildtafeln sind so aufgehängt, dass sie sich sowohl mit denen des anderen auf der gegenüberligenden wand als auch mit den direkt daneben hängenden begegnen. so können sie ohne ablenkung langsam ihre wirkung entfalten. aber dennoch wagt man auch die nähe, hängt an einer wand die exponate direkt nebeneinander auf. als beobachter ist man gespannt, wartet ab. was wird wohl als nächstes passieren? wir dürfen beobachten, was gerade erst beginnt. beim eintreten in diesen raum meint man, den stillen dialog der bilder mitten im satz für einen kurzen moment zu unterbrechen.“

Michael Maile, Kurator Ruoff-Stiftung Nürtingen (Einführung zu beziehungsweise mit Harald Huss – Schauraum Kunstverein Nürtingen, 2006)


Die Zeichen der Zeit
Doppelausstellung in der Galerie Forum

Lindenthal. Sobald der Besucher die großzügigen Ausstellungsräume betritt, wird sein Blick von einer eigentümlichen Farbenflut in den Bann gezogen. Die abstrakten Farbflächen der Malerin Angela Hildebrandt ragen vom Fußboden aus über zwei Meter in die Höhe, wie Türöffnungen durchbrechen sie die weißen Wände des Foyers. Bei manchen der Bilder hat der Betrachter den Eindruck, er stünde einem abstrahierten Menschenbild gegenüber:
Grüne, rote, violette, gelbe Lichtstreifen oder Brauntöne sind unter zarten Schichten aus Acrylfarben zu erkennen. „Die Bilder malen sich selbst. Doch brauchen sie viel Zeit. Es kann zwei Jahre dauern, bis der Malprozess endgültig abgeschlossen ist“, erklärt Angela Hildebrandt aus Nürtingen, die sich nach künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema Mensch von der reinen Form löste, ihre meditative, farbintensive Arbeit.

Lydia Keck, Kölnische Rundschau, 1. März 2007



„(…) Für die Kirchen als auch für die Kunstwerke wichtig ist die Intensivierung der Aufmerksamkeit der Besucherin/des Besuchers, wenn er/sie die Eingriffe der Künstlerinnen in den Raum wahrnimmt.
Das gilt besonders für die kaum in Erscheinung tretende, dennoch stark wahrnehmbare Arbeit von Angela Hildebrandt, deren Fäden „zwischen Kopf und Himmel“ die Eintretenden gleich am Eingang das Fühlen lehrt. Da ist ein geordnetes Gespinst aus Nylonfäden, durch das hindurch muss, wer wie sonst den geraden Weg in die Kirche nehmen will, dem sie/er aber auch ausweichen kann, um nicht berührt zu werden oder zu berühren. Diese Aufmerksamkeit des ersten Schritts belebt den dämmrigen Raum, als ob die Architektur zu schwingen oder zu atmen beginnt. Die Begegnung mit dem wertlosen Material in der geordneten Fassung mit chaotischem Potential gibt dem festgefügten Kirchenhaus eine neue Erfahrungsebene. (…)“

Barbara Heuss-Czisch, Kunsthistorikerin (Eva Maria Magdalena – Künstlerinnen zu Religion und Weiblichkeit, 18 Projekte in sieben evangelischen und vier katholischen Kirchen sowie zwei muslimischen Gebetsräume in Stuttgart 2007)


(…) Wie unterschiedlich kann ich die Begegnung mit jeder einzelnen der skulpturalen Gestalten hier von Angela Hildebrandt erleben? (…) Ja, bin ich ganz wach, dann merke ich auch, dass es nicht nur Leinwände mit Farbe darauf sind, die an die Wand gehängt wurden, sondern die Gemälde sind selbst ästhetische Objekte mit einem spezifischen wahrnehmlichen „Gewicht“, das sie im Raum verortet. Darauf komme ich vielleicht, wenn ich bemerke, dass die abgeschnittene Ecke mich darauf hinweist, dass diese Leinwand nicht nur Träger eines Farbereignisses ist, sondern dieses Werk geradezu als Skulptur, als ein Wahrnehmungsereignis, das auch im Raum stattfindet, erlebt werden kann und damit die Farbe, die so gerne in der Fläche zu Hause ist, zu einem Erfahrungsereignis werden lässt.

(…) Diese beiden kleinen Wandtafeln von Angela Hildebrandt sind für diese Ausstellung ganz wunderbar komplementär gewählt. So zum Beispiel besonders im Spiel mit ihren Oberflächen. Zeigt das eine eine deutliche Anmutung von einer haptischen, materiellen, holzigen Oberfläche, die sich bei genauer Betrachtung als ein sehr gekonnter Farbauftrag entkleidet, bleibt bei dem zweiten nur für den ersten Augenblick eine homogene Farboberfläche für den Blick bestehen. Denn sehr schnell löst sich diese in einen sphärischen Farbnebel auf, der wie vor und hinter dem Bild, der eben noch klar bestimmbaren Oberfläche, ätherisch pulsiert. Das Bild hat aufgehört, ein Gegenstand zu sein und wird zu einem ereignishaften Farbphänomen, losgelöst von der erst so verlässlichen Dinghaftigkeit.

Jens Keuerleber (Einführung wir hier, Städtische Galerie Filderstadt, 2015)


Pfiffige Visionen und bedrückende Schicksale
Kunsträume – Fünf Arbeiten decken thematisch und gestalterisch ein breites Spektrum der örtlichen Szene ab. Von Wolfgang Berger

Im Esslinger Rathaus stehen die Telefone nicht mehr still, berichtet Barbara Antonin vom städtischen Kulturamt. Viele Bürger möchten wissen, was es mit dem neuen Bauschild am Bahnhof auf sich hat. „Hier baut die Stadt Esslingen ein Künstlerhaus“, steht darauf zu lesen.
Geht nun ein lang gehegter Traum der örtlichen Kunstszene in Erfüllung? Weit gefehlt. Denn der authentisch wirkende Hinweis auf den baldigen Spatenstich ist ein pfiffiges Projekt von Angela Hildebrandt. Neben sechs anderen Künstlern bestreitet sie die Sparte „Kunsträume“ beim Kulturfest „Stadt im Fluss“.
Hildebrandts in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Bolte entstandene Arbeit ist mehr als ein gelungener Scherz. Indem sie die seit langem existierende Vision eines Künstlerhauses konkretisiert, setzt sie den Leitgedanken der Triennale von der „unsichtbaren Stadt“ kongenial um. „Unsichtbares, weil nicht Vorhandenes als konsequenteste Form der Unsichtbarkeit wird charmant und vielleicht verwirrend sichtbar gemacht.“ Treffender als die in der „Stadt im Fluss“-Broschüre enthaltene könnte eine Beschreibung nicht sein.
Mit dem Bauschild und der Dokumentation im Rathaus lässt es Angela Hildebrandt, die in den 1990er Jahren an der Freien Kunstakademie Nürtingen studiert hat, nicht bewenden. Sie setzt noch einen drauf. Unter der auf dem Schild angegebenen Nummer des Infotelefons läuft ein Band mit der Stimme der Künstlerin, die den Anrufer mit auf die Reise in eine Welt aus Fiktion und Wirklichkeit nimmt.
(…)

STUTTGARTER ZEITUNG
Nr. 228 / Freitag, 2. Oktober 2015


„Jede Menge Besucher folgten dem Ruf des Zebras und besuchten die Vernissage zur Ausstellung.
Ein großes Dankeschön geht an Angela Hildebrandt, welche die Einführung zur Ausstellung
zu einem wunderbaren Erlebnis machte, mit Twitter, einer Leiter und @real Kik Erik ….I.
Die Künstlerinnen danken für die Salbung mit Smartphone und Calendula.“

Yvonne Rudisch, Stuttgart 2017


Abstieg in Wundergrotten
LICHTENSTEIN-HONAU
(…) Keller für Keller ist es ein Abstieg in eine Unterwelt, bei dem man Sonne, Licht und Alltag hinter sich lässt und als Fremdling eindringt in eine Sphäre, in der die wahren Herren bestimmte Spinnensorten von ansehnlicher Größe sind. Gleich zwei Künstlerinnen nehmen auf sie Bezug. (…)
Spinnfäden und stehender Regen 
Abstrakter verarbeitet Angela Hildebrandt das Spinnfadenmotiv. Sie hat in „ihrem“ Keller ein Feld abgesteckt mit hauchdünnen Fäden, die sich von der Gewölbedecke zum Boden ziehen. Sie hat dafür „Unsichtbares Garn“ verwendet, mit dem man sonst offen sichtbare Nähte ausbessert. Von einem sanften Lichtstrahl erhellt, schimmern nur Teile der Fäden, als kämen sie aus dem Nichts. Das „Nichts“ sichtbar zu machen, darum geht es ihr, sagt Hildebrandt. Das Nichts aus Fäden wirkt bei ihr wie ein stehender Regen.

Armin Knauer, Reutlinger General-Anzeiger 23. Juni 2018



Künstlerische Positionen zum 100-jährigen Jubiläum der VHS

An der Volkshochschule sollen Menschen durch lebenslanges Lernen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren können. Angela Hildebrandt zeigt ihre ungewöhnlichen Bild-Formate über einer großflächigen Fototapete im VHS-Foyer und fordert Auseinandersetzung und Aufbegehren ein: „Ich schätze Räume, die nicht optimal für Kunstwerke sind. Denn hier müssen die Bilder zeigen, ob sie die Kraft haben, in Konkurrenz zum Raum zu bestehen.“

Gaby Weiß, Esslinger Zeitung, 27. September 2019


Der Baumarkt als Ort der Inspiration
Kreis Esslingen: Angela Hildebrandt zeigt ihre Vielseitigkeit in Malerei, Installation und Aktionen
Denkt Angela Hildebrandt an Baumärkte, gerät sie ins Schwärmen: „Ich liebe Baumärkte“, gibt die Künstlerin unumwunden zu. So ein Heimwerker-Eldorado ist ein idealer Inspirationsort, um Material für ihr künstlerisches Schaffen zu finden: Plastik, Holz und vieles mehr für ihre Installationen, die sie mit minimalen Mitteln gestaltet. „Ich muss es fühlen, ob es Holz oder Plastik ist“, begründet sie einen Präsenzbesuch im Do-it-yourself-Paradies. Online-Bestellungen kommen deshalb für sie nicht in Frage. Das ist sicherlich mit ein Grund, weshalb sich Angela Hildebrandt ins Atelier zurückgezogen hat, keine Objekte macht und Projekte im öffentlichen Raum schon gar nicht.
Derzeit konzentriert sie sich auf die Malerei, die sie seit ihrem Studium an der Freien Kunsthochschule in Nürtingen von 1993 bis 1997 durch ihr künstlerisches Arbeiten begleitet. Zeitweise lief die Malerei neben Performances, Aktionen und Projekten nebenher. Momentan ist dieses zurückgezogene Arbeiten in ihren luftigen Atelierräumen eine sichere Bank. Angela Hildebrandt lebt und arbeitet dort, wohin andere am Wochenende zur Entspannung pilgern – in Gutenberg, dem letzten Ortsteil der Gemeinde Lenningen vor dem Albaufstieg.
In dieser bilderbuchhaften Abgeschiedenheit entstehen in langen Prozessen ihre Bilder. Manchmal dauert es zwei Jahre, bis die Schichtarbeit beendet ist. Teilweise liegen 100 Schichten übereinander. Angela Hildebrandt beschreibt den Prozess so: „Trocknen, wegstellen, an einem anderen Bild weiterarbeiten“ – meist an drei oder vier Bildern gleichzeitig. Immer sind es Linien – waagerecht und senkrecht -, die mit Acrylfarbe auf die Leinwand aufgebracht werden. Mehr nicht. Und trotzdem passiert etwas zwischen Bild und Betrachter im Raum. Es lässt sich nicht greifen. Und genau dieses Unbegreifliche reizt Angela Hildebrandt an der Malerei.
Als Beispiel führt sie die Bilder „einfach lassen“ zur Ausstellung „das Fremde“ in der Berliner Straße in Esslingen 2016 an. Sie hingen in einem denkbar ungeeignetem Raum mit zerfetzten Tapeten, der sich im Dialog  mit den Arbeiten veränderte und sich als hervorragend herausstellte. Ein Experiment, das geglückt ist, aber nicht als Blaupause für weitere Versuchsreihen dient. Ein Aha-Erlebnis, auch weil durch die Malerei ein sirrender Dissonanz-Ton im Raum erzeugt wurde.
Gesang und Musik sind wichtig im Leben der Künstlerin. Bach, Händel oder Pergolesi erzeugen die Lockerheit, die Angela Hildebrandt zum stillen Arbeiten braucht. Die selbstgebauten Keilrahmen für die Leinwände, mal schräg, mal mit fehlender Ecke, hängen direkt an der Wand, darunter schützende Plastikfolie, die in unzähligen Farblinien und Spritzern vom stetigen Schaffen erzählt. Davor stehen unzählige Tellerchen mit Löffeln für die verschiedenen Farbpigmente zur „Speisung“ der Bilder. Die Formate werden so gewählt, dass sie in den Kofferraum passen. Aus Sachzwängen entstehen Diptychen und Triptychen. Die Künstlerin setzt auf Pragmatismus statt Überhöhung. Wenn der Hund übers Aquarell leckt und es ist hinterher besser, ist das ein genialer Zufall, den es zu erkennen gilt.
Bis 2020 war die gebürtige Rheinländerin zweite Vorsitzende des Vereins artgerechte Haltung Bildende Künstler Esslingen, mit dem sie einige Aktionen durchgeführt hat wie „Garten Eden“ 2014, die Weststadtkunst“ 2016/2017 oder in der Franziskanerkirche – eine expressive Klangraum-Performance mit einem Frauenchor. In der Marienkapelle des Salemer Pfleghofs machte sie lediglich mit durchsichtigem Nähgarn das Nichts sichtbar. Fünf Meter lange Fäden spannten sich in minimalem Abstand von der Decke zum Boden, als Fadenfeld bildeten sie einen geordneten Binnenraum, der sich je nach Lichteinfall und Perspektive verschob.
Inzwischen fühlt sich Angela Hildebrandt erschöpft. Corona wirkt wie eine Glocke. Ausstellungen und Aktionen mit Künstlerkollegen können seuchenbedingt nicht stattfinden. Schon im vergangenen Jahr haben sich alle Präsentationen verschoben. Dieses Jahr sieht’s nicht besser aus. Auch die „Piussisters“ haben Sendepause. 2008 gründeten Petra Pfirmann und Angela Hildebrandt den geheimnisvollen künstlerischen Orden. Analog zu den „Bluesbrothers“ treten die beiden Künstlerinnen bei ihren „liturgischen Handlungen“ immer mit dunklen Sonnenbrillen auf, egal ob im Bahnwärterhaus Esslingen, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart oder im Park der Villa Merkel in Esslingen. Es ist ein künstlerisches Spiel mit Transzendenz, mit Klischees und damit, was Kunst sein könnte. Der Spaß steht dabei im Vordergrund.
Das umfassendste Bild über Hildebrandt macht man sich, wenn man auf ihrer Homepage stöbert. Sie liest sich spannend wie ein Roman mit autobiografischen Zügen. Jedes ihrer Arbeitsfelder wird vorgestellt, und es gibt einen unterhaltsamen Blog mit Beiträgen wie diesem vom August 2020: „Künstler gehen nicht in Rente. Sie stehen vor der Leinwand und fallen mit tropfendem Pinsel in der Hand einfach um. Dann sind sie tot, ihre Bilder aber nicht. Einige Bilder bleiben unvollendet und ein großes Geheimnis, die vollendeten guten Bilder aber auch.“

Petra Bail, Eßlinger Zeitung, 19. Mai 2021


Kirchheim
Von Maß und Maßlosigkeit des Menschen
(…) Unter dem Titel „Menschenmaße“ zeigen 15 Kunstschaffende in den Galerieschaufenstern des Kirchheimer Kornhauses ihre Werke.
Die Diskrepanz zum ausgewachsenem Menschenmaß macht Angela Hildebrandt schmerzhaft sichtbar. Unerbittlich schnüren Spanngurte ihr rosafarbenes Textilobjekt in die Normmaße ein. Der infantilen Zwangsjacke ist eine biblische Allusion vorangestellt: „So ihr nicht bleibet wie die Kinder“. Wo im Neuen Testament das Kind-Werden Perspektiven eröffnet, macht Hildebrandts Arbeit die Perversion des Kind-Bleibens deutlich, wie sie einem Zwang zur Unmündigkeit, einer zum Programm erhobenen Regression erwächst.
(…)

Florian Stegmaier, DER TECKBOTE Kirchheimer Zeitung, 15. Juli 2021